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Gastbeitrag: Der Google-Ansatz zum „Recht auf Vergessenwerden“ ist eine Sackgasse für die Privatsphäre - Mikko Hyppönen

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) im Mai 2014 zum „Recht auf Vergessen“ soll Nutzern mehr Kontrolle darüber geben, welche Informationen online über sie verfügbar sind. Mikko Hyppönen, Chief Research Officer bei F-Secure ist Verfechter der digitalen Privatsphäre und des Rechts, unseren digitalen Fingerabdruck zu kontrollieren. Er sieht das EuGH-Urteil kritisch.

Lesen Sie unseren Gastbeitrag: Ändern sich die Regeln für Privatsphäre?

Gastautor:

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Mikko Hyppönen

Mikko Hyppönen ist seit 1991 Chief Research Officer bei F-Secure, einem finnischen Online-Sicherheitsunternehmen. Er hat Artikel in globalen Nachrichten- und Tech-Medien wie der New York Times, Wired und Scientific America veröffentlicht und Vorträge an der Stanford und Cambridge Universität gehalten. Er zählt laut dem PC World Magazine zu den 50 wichtigsten Menschen im Internet und steht auf der „FP Global 100 Thinkers List“, der Liste der weltweit 100 wichtigsten Denker, die jährlich vom Foreign Policy Magazin herausgebracht wird.

„Sie müssen nicht berühmt sein, um im Netz erwähnt zu werden“

Sie müssen nicht berühmt sein, um im Netz erwähnt zu werden. Die meisten von uns tauchen online an vielen Stellen auf – oft viel häufiger, als wir es uns vorstellen können.

Sie können entscheiden, wie viel Sie der Öffentlichkeit über Ihre Profile und Konten preisgeben. Aber das ist nicht alles. Jedes Mal, wenn Sie unter Ihrem Namen, ob online oder offline, etwas machen, kann das im Netz veröffentlicht werden, mit oder ohne Ihre Zustimmung. Diese Veröffentlichungen sind kaum zu kontrollieren.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat versucht, dies mit einem Urteil zu regeln. Die Vorgeschichte: Ein Spanier fand bereits veröffentlichte Daten über sich peinlich und veraltet. Die veröffentlichende Seite weigerte sich, die Daten zu löschen und spanische Behörden entschieden, dass es keine Rechtsgrundlage für das Löschen der somit rechtmäßig veröffentlichten Inhalte gibt.

Der Europäische Gerichtshof hat jedoch zu seinen Gunsten entschieden und forderte Google auf, die beanstandeten Seiten in den Suchergebnissen zu verstecken. Dem Gericht zufolge hat Google „unzureichende, irrelevante oder nicht mehr relevante“ Daten aus den Suchergebnissen zu löschen.

Eine Sackgasse für den Datenschutz, kein Sieg

Ich bin ein Verfechter der digitalen Privatsphäre und des Rechts, unseren digitalen Fingerabdruck zu kontrollieren. Und das Gerichtsurteil ist eine Art Sieg für die Befürworter der Privatsphäre. Aber ich habe auch gemischte Gefühle und werde deshalb keine Korken knallen lassen. Ich denke, dass die Richtung, die der EuGH eingeschlagen hat, sich als Sackgasse herausstellen wird.

Ohne Frage ist es erst einmal gut Wege zu finden, um Inhalte im Netz zu kontrollieren. Wir haben es mit einer Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und dem Recht der Menschen auf Privatsphäre zu tun. Die meisten von uns werden wahrscheinlich zustimmen, dass ein Netz ohne Inhaltskontrolle nicht wünschenswert ist.

Doch der Versuch, dieses Problem über die Suchmaschinen-Betreiber zu lösen, verzerrt die Realität. Die Daten werden nicht verschwinden, wenn sie in der Google-Suche versteckt sind. Sie können noch immer über eine nicht-europäische Version von Google an die Daten kommen. Google informiert Nutzer überdies darüber, dass Informationen in den Suchergebnissen, die sie sehen, versteckt worden sind. 

Die Bedeutung von Suchmaschinen wird überschätzt

Suchmaschinen beeinflussen stark, welche Internetseiten wir überhaupt finden und lesen. Aber ihre Bedeutung wird von vielen überschätzt, denn heutzutage werden die sozialen Medien immer beliebter. Wir finden unsere Inhalte nicht nur über die Suche - einen wesentlichen Teil entdecken wir über sich viral verbreitende Links.

Das „Recht auf Vergessen“ ist ein wichtiges Prinzip. Aber ich denke, es sollte auf die betreffenden Inhalte beschränkt werden und nicht auf die Dienste, die dabei helfen, sie zu finden. Wir brauchen ein weltweit funktionierendes System für Löschanforderungen von Inhalten. Diese müssen durch eine Art Behörde genehmigt werden und das System muss Schutzmechanismen gegen den Missbrauch durch Zensur beinhalten.

Denken Sie an die Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und Privatsphäre. Die Neutralität der Suchmaschinen sollte zur gleichen Zeit kontrolliert und garantiert werden. Wenn etwas falsch ist, lassen Sie uns die Wirklichkeit reparieren, anstatt ein Feld der verzerrten Realität zu erschaffen.

Herzlichen Glückwunsch trotzdem an Mario Costeja González, der das Verfahren gegen Google gewonnen hat. Das ist ein Erfolg, auch wenn das Ergebnis fragwürdig ist. Und das Absurde daran ist, dass Sie ohne dieses Urteil zum „Recht auf Vergessen“ keine Ahnung hätten, wer Mario Costeja González überhaupt ist und dass er sein Haus verkaufen musste, um Schulden zu bezahlen.

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